angelina jolie hat sich vorsorglich die brüste amputieren – äh – rekonstruieren lassen

15.05.2013

warum ist die brustkrebs-prophylaktische op von angelina jolie eine so große nachricht in den medien?
weil brustkrebs dadurch als so starke lebensbedrohung greifbar wird, dass frauen sich entscheiden (entscheiden können!) sich die brüste abnehmen zu lassen. – obwohl – und das wird in allen artikeln auch deutlich, frausein so eng mit brusthaben verknüpft zu sein scheint, dass dies ein großer schritt ist. wenn nicht nur das brustkrebsrisiko so hoch ist, sondern auch das eierstock-krebs-risiko, warum lesen wir dann dazu nichts, ob sie sich auch prophylaktisch die eierstöcke hat entfernen lassen? das statistische risiko ist gleichhoch, die thematisierung aber geht gegen null. es geht um brüste, um angelina jolies brüste, um das bild von angelina jolie in westlichen medien. eierstöcke ja oder nein, das spielt da keine rolle.
aber warum ist es überhaupt thema, die brüste, wo doch auch in jedem artikel stehlt, dass angelina jolie ihre brüste schon wieder hat nachmodellieren lassen (restaurieren, rekonstruieren? mir fehlt das richtige wort hier, obwohl ich es doch jetzt schon so häufig gelesen habe gerade in den ganzen artikeln…). warum ist das eine so große nachricht in den medien (und warum steht unter dem einen foto in der taz ‚angelina jolie beim g8-außenministertreffen [sic] im april 2013‘ – ist angelina jolie außenminister [sic] von irgendwo? hab ich noch irgendwas verpasst?).
die erkenntnisse über brustkrebs sind nicht neu, die westlich medizinischen. die schulmedizinischen behandlungsweisen sind auch nicht neu und anders.
das weiße westliche heterasexualisierte frauenbild – der weiße blick auf angelina jolie – hat sich nicht verändert – und das zeigt die ganze medienfokussierung auf das thema doch auch noch mal: frauen, heterasexuailisiert als begehrenswert einzulesene frauen, sind vor allem – brüste. aber was ist das problem, wenn brüste doch künstlich herstellbar sind und hergestellt sind – wie es millionen von frauen mit brustvergrößerungen ohne jede gen-statistik-krebs-todes-diagnose kontinuierlich machen (und angelina jolie vielleicht ja auch schon gemacht hatte – oder zumindest ein lifting), haben sie das geld oder auch nicht, auf jeden fall den druck einer heteranormativen frauen zurichtenden gesellschaft, dies als einzige möglichkeit einer männlichen anerkennung, eines sexjobs, eines ‚gefühls‘ attraktiv, begehrenswert zu sein, verinnerlichte diskriminierung.
was genau ist das sensationelle an der nachricht?
angelina jolie? als außenminister? mit krebsrisiko? mit immer noch unverändert nach außen sichtbaren brüsten?
und wie liest sich das aus einer trans_x_enden perspektive? mein erster impuls war: cool, angelina kommt raus als trans, sehr geschickt, toller move. bis ich das mit den brustrekonstruktionen gelesen habe. brüste abnehmen geht nur unter statistisch mindestens 80%er todesdrohung plus kinds- und familienverantwortung. brüste abnehmen ist ein sakrileg, eine sensation, eine extremopferung (für kind und familie) eigener autentizität von personen, die in der gesellschaft als frauen hergestellt wurden und werden, immer wieder. top-surgery kann ein wichtiger, schwieriger, schmerzhafter, teurer und überlebensnotwendiger und cooler schritt zu mehr körpersein körperanwesenheit sein von trans_x_enden personen. wie hoch ist die lebenserwartung in westlicher medizinsicht von personen, die trans_x_end leben wollen und dies aus finanziellen gründen und anderen gründen, wie aufwändige begutachtungsverfahren vor einer op, aus gründen, dass sie nicht die ‚richtige‘ staatsangehörigkeit oder überhaupt keinen pass haben, nicht können? die nicht das geld, nicht den richtigen pass, nicht das supportende umfeld haben. angelino, äh, angelina, wie cool wäre es gewesen du hättest es einfach belassen bei der top surgery und fertig. wie cool wäre das gewesen – für frauen, für trans, und auch für eine endlich-infragestellung der krassen typen-hetenblicke und –normen, die dadurch mal nachhaltig irritiert worden wären!
warum wird hier so ein hype gemacht um eine prophylaktische westliche medizin und in anderen möglichen fällen von prophylaktischer todesverhinderung (in reichen westlichen kontexten) – kein rauchen, kein alkohol, kein fleisch, viel bewegung (und selbst das wird in einem der vielzähligen artikel zum thema alles genannt, um brustkrebsrisiko zu vermindern) – wieviele krankheiten wären so vorbeugbar – kein autofahren, keine schönheitsops, keine langstreckenflüge, überhaupt keine flüge – was alles wäre doch eigentlich machbar veränderbar? und ist keine sensationsnachrichten wert.
und was wäre alles an todesdiagnostiken und -statistiken veränderbar, würden alle menschen auf der welt zugang zu trinkwasser haben und ausreichender nahrungsversorgung, zugang zu ausreichenden AIDS-medikamenten, zugang zu verhütungsmöglichkeiten, und ich weiß, das alles ist auch schon nur formuliert aus einer westlichen medizinsicht, als wäre das die antwort und die rettung.
welche lebensvorstellungen und –modelle stehen eigentlich hinter diesen prophylaktischen ewig-lebens-versicherungen? was macht angelina jolie eigentlich mit ihrem lungenkrebs-risiko? auch das ließe sich um 50% reduzieren durch herausnahme eines lungenflügels. oder aber: mit dem rauchen aufhören; oder gar nicht erst damit anfangen und sich auch nicht in der nähe von rauc_herinnen aufhalten. wann eigentlich ist was prophylaktisches handeln und welches verhalten wird gleichzeitig so auch normalisiert und nicht infragegestellt? was ist mit allen denjenigen, die sich aus verschiedenen und sehr reflektierten gründen kritisch zu gentests stellen, zu der ‚gentrifizierung‘ des eigenen lebens, des partizipierens in fragwürdige westlich-medizinische statistik-verfahren, in die gen-lesbarkeit und vermeintliche voraussagbarkeit des eigenen lebens? das feiern von angelina jolies brustabnahme- und brustrekonstruktions-ops in den medien erhöht zugleich auch den druck auf frauen, doch selbst verantwortlich zu sein, wenn sie brust- und eierstockkrebs kriegen; sie hätten sich ja den forderungen westlicher schulmeidzin ganz und gar unterordnen können, gentests machen können, könnten sich statistisch vorhersagbar und vollkommen durchleuchtet durch einen westlich medizinischen blick machen und würden dann jetzt nicht… auch dies also eine fortführung der herstellung individualisierter verantwortung für eigene gesundheit – und eine abkehr von einer sozialen verantwortung: was sind denn die sozialen und gesellschaftlichen bedingungen, die zu brust- und eierstockkrebs führen? chemie im essen, in der kleidung, schlechte allgemeine versorgung, wenig möglichkeit zu sport, viel stress, alles keine großen überraschungen…. eine gesellschaftliche brustkrebsprophylaxe würde also woanders ansetzen können und müssen und nicht das problem immer stärker individualisieren, weg von den gesellschaftlichen rahmenbedingungen die sich verändern müssten (ganz abgesehen davon, wieviel staatliches geld eigentlich in brustkrebsforschung geht und wieviel in die erforschung anderer krebsarten, die nicht primär frauen betreffen).
ich bin nicht gegen top-surgery, ganz und gar nicht. ich finde es mutig und cool, und sehr häufig – vor allem bei transpersonen und auch für andere – überlebenswichtig. ich bin enttäuscht von brustrekonstruktionen und ihre selbstverständlichsetzung in allen medientexten, von der verselbstverständlichung von gentests und statistiken, von dem normsetzen von reichen wahlmöglichkeiten – und auf diese weise die aufrechterhaltung eines genderistischen klassistischen frauenbildes. wozu?

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