schwimmbad, interdependent

20. februar 2012 stockholm

ich gehe ins schwimmbad. ich kann gehen. ich kann ins schwimmbad gehen, habe das geld dazu den eintritt zu bezahlen, was nicht gerade gering ist in schweden. kann sehen, kann mir meinen weg bahnen, kann mich selbstständig umziehen, kann schwimmen, ich bin umfassend ableisiert, was mir viele möglichkeiten der einnahme öffentlicher räume ermöglicht. ich habe die zeit ins schwimmbad zu gehen, habe jobs, mit denen ich mir meinen alltag zeitlich selbst strukturieren kann, habe räume in denen ich so arbeiten kann, wie ich arbeiten will, kann mich also entschließen nachmittags ins schwimmbad zu gehen.

und trotz all dieser interdependenten privilegierungen habe ich doch lange darüber nachgedacht und abgewägt, wie stabil ich mich fühle, öffentlich zu sein, ausgezogen, angesehen. ich habe ein starkes bedürfnis mich zu bewegen, nicht nur den ganzen tag mit meinem notebook in verschiedenen positionen mich auf verschiedenen sitzgelegenheiten aufzuhalten. will mich spüren, mir anders präsent sein als ich es kann mit blick auf einen leicht flirrenden bildschirm, auf dem ich in irrem tempo worte hacke und zu bedeutungshoffnungen verstehenshoffnungen zusammensetze. draussen hat es angefangen zu tauen, aber die wege sind noch immer von eisschichten überzogen, so dass ich es nicht wage stattdessen laufen zu gehen – was ich ableisiert – machen könnte. was ich als weiße person nicht weiter überlegen muss, nicht darüber nachdenken muss, wie sicher bestimmte straßen und dunkelheiten in bezug auf rassistische übergriffe sind. ich gehe also schwimmen, eine kraftanstrengung, ein luftanhalten zwischen schwimmbadeingang und eintauchen ins wasser und dasselbe auch wieder zurück. wie habe ich diese anstrengung nicht immer merken können – und gleichzeitig meine möglichkeiten mich überhaupt in diese situation zu begeben? oder habe ich sie immer gemerkt und merkend entmerkt, nicht wahrhaben wollen, sie merkend willentlich vergessen übermerkt um überleben zu können in einer auf zweigenderung ausgerichteten gesellschaft, die mich in so vielfacher hinsicht priviligiert? oder ist es das was die dispositive dimension genderistischer diskriminierung ausmacht, die ent_intelligibilisierung der konstituierung durch diskriminierung gekoppelt in meinem fall mit massiven gleichzeitigen verwobenen interdependenten privilegierungen über ableismus und rassismus; ist es das, was als dispositiv zu unkonzeptualisierbar also ist, dass jegliches merken verunmöglicht ist – und doch gleichzeitig da, doch mich gleichzeitig konstituiert? kinder unter 10 jahren etwa starren mich unverhohlen an und bekommen körpergröße körperstatur körperdetails und umkleideeinteilungen und kleidung nicht überein. und trotzdem: mich können die ableisierten kinder anstarren. wieviele disableisierte dyke_trans kommen gar nicht erst bis hierhin, da die hürden in vielfacher weise schon vorher viel zu hoch sind.
mein immer-wieder-nachdenken zeigt mir an tagen meine fragilität und das ziehen nach einpassung in etwas in das ich nicht passen will und kann, und wenn ich weniger fragil etwas stabiler stehe, dann kann ich es auch so einlesen und mich dann damit sein lassen, mit meinen widersprüchlichen zugehörigkeitsbedürfnissen manchmal und mich wahrnehmen in meiner massiven und machtvollen zugehörigkeit zu der normalisierung weißer ableisierter personen, die in und durch schwimmbäder auch gleichzeitig stattfindet.

heute ist ein prekärer tag, ein unsicherer tag, ein tag von balancegängen, dünnem eis, tauend, aber da, tauend und doch so verletzungsnah, so dass es mir schwierig fällt zu gehen ohne das fallen schon gehend unsicher vorwegzunehmen – und trotzdem ich könnte gehen und kann mich dagegen entscheiden. heute ist auch ein privilegierter tag mit meinen verselbstständigten ableisierungen. so fühlt es sich auch im schwimmbad an, dünnes eis und doch eis, auf dem ich gehen könnte.

auch so kann ich mein leben einlesen: als ein kontinuierliches austarieren unterschiedlicher öffentlichkeiten und ein abwägen von ent_konformitäten und anpassungen, von ‚passings‘, einer reflexion meiner strukturellen privilegierungen und eines versteckens.

 

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rezension dazu (und zum buch feminismus schreiben lernen): FAMA 1/14

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